Jenseits der Worte – Gespräch über ein Bild – Interview mit der Tettauer Malerin Helga Depping im Januar 2021

„Die edle Wahrheit“
Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 80 x 80 cm, 2020


Frage: Wir sehen auf dem Bild das Kreuz, das einerseits ein christliches Symbol ist, andererseits aber auch die ordnende Kraft der Zahl Vier betont. Der Bildtitel wiederum lehnt sich an die vier edlen Wahrheiten Siddharta Gautama Buddhas an. „Die vier edlen Wahrheiten“ lehren die Beendigung menschlichen Leidens und gelten als Fundament des Buddhismus. Liegt das Geheimnis des Loslassens vom Leiden in der Bewusstheit über die Ordnung der Dinge?
H.D.: Es gibt einen Anfang des Leidens und eine Beendigung des Leidens. Das ist in den vier edlen Wahrheiten Buddhas wunderbar gesagt. Erfahrbar ist das jenseits der Worte. Da kann ich nichts hinzufügen. Da ist auch mein stilles Malen schon zu viel.

„Was ist die Wahrheit? Was die Maler malen,
wenn sie es nicht malen.“

„Um des Leeren willen
hat der Meister das Haus erbaut.“

(Zwei japanische Gedichte, zitiert aus: Sabine Hübner,
„Unter dem Westlichen Himmel, ZEN – Leben in unserer Welt“, S. 184)

Frage: Das Bild „Die edle Wahrheit“ entstand im Corona-Jahr 2020. Im Nachhinein betrachtet ist das vielleicht kein Zufall. Leiden hat sich 2020 auf vielfältige Weise gezeigt und ereignet. Die Welt war gezwungen, umzudenken.
H.D.: Vielleicht müssen wir alle einfach nur das tun, was schon lange ansteht: uns dem Inneren zuwenden, dem wahren Selbst. Jeder auf seine Weise.

Frage: Zum Beispiel machst Du seit ein paar Jahren jeden Tag Yoga .
H.D.: Yoga ist eine gute, unterstützende Beschäftigung, um individuelles Leiden zu beenden und geistige und körperliche Gesundheit zu bewahren. Auch in Zeiten von Corona und Lockdown, das kann wirklich jeder machen – und wenn es nur wenige Minuten am Tag sind.
(Interview: Iris Ute Depping)

Die vier edlen Wahrheiten Siddharta Gautama Buddhas lauten:

1. (…) Da, o Mönche, erkennt ein Mönch der Realität entsprechend:
„Das ist das Leiden!“

2. Er erkennt der Realität entsprechend:
„Das ist die Entstehung des Leidens!“

3. Er erkennt der Realität entsprechend:
„Das ist die Aufhebung des Leidens!“

4. Er erkennt der Realität entsprechend:
„Das ist der zur Aufhebung des Leidens führende Pfad!“



(Überliefert aus der ersten Lehrrede Buddhas, zitiert nach: „Die vier edlen Wahrheiten – Texte des ursprünglichen Buddhismus“, Klaus Mylius (Hg.), Reclam, S. 140)

„Die Kraft zum Malen kommt aus der Stille“ – Interview mit der Tettauer Malerin Helga Depping über die neue Ausstellung „Advaita, Nicht-Zweiheit“ (by monkifrieda, 2019)

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"Das verlorene Wasser/Lost Water" by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm
„Das verlorene Wasser/Lost Water“ by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm

F: Die neue Ausstellung heißt: „Advaita, Nicht-Zweiheit“. Warum dieser Titel?

H.D.: Nichtzweiheit ist das zentrale Thema meiner Malerei während der letzten 10 Jahre. Es ist die Essenz, auf die ich immer wieder zurückkomme.

F: Fangen wir doch an mit einem Bild, das einen besonderen Titel trägt, der aus der Gegend um Tettau stammt: „Das verlorene Wasser“…  

H.D.: Das verlorene Wasser ist ein Ort, den viele Tettauer aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg kennen. Es ist ein Gebiet in Thüringen, ein Wasserreservoir oberhalb des Tals. Verschiedene Quellen führen dorthin. Da waren ursprünglich zwei Becken, in denen man baden konnte. Kurz nachdem die Mauer fiel und die Grenze wieder auf war, bin ich dorthin gewandert, um es wiederzusehen. 

F: Wer schon einmal dort war, wird das Farbenspiel kennen, das auch auf dem Bild zu sehen ist. Außerdem sehe ich eine Spiegelung im Wasser. Einerseits sumpfig, andererseits klar…

H.D.: Es ist sumpfig, aus der Tiefe gespeist. Doch wem erscheint diese Spiegelung? Sie erscheint in mir.

F: Spiegeln sich auch die Vergangenheit und die Erinnerung?

H.D: Ja, es ist ein kollektives Erinnern, das bis heute präsent ist.

F: Es gibt Bildtitel, die sich wiederholen. Wenn man zum Beispiel „Das Spiel/Lila“ von 2011 der neuen Version von 2018 gegenüberstellt, wird deutlich, wie sich die Malweise verändert hat. Das Gegenständliche ist fast vollständig verschwunden. Ist deine Malerei nun abstrakt geworden?

"Das Spiel/Lila" by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm
„Das Spiel/Lila“ by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm

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„Das Spiel/Lila“ by Helga Depping,  Acryl auf Pressspan, 2011, 80 x 80 cm

H.D.: Vielleicht nicht unbedingt abstrakt, aber sie ist unpersönlicher.

F: Ist das Gegenständliche denn nicht leichter anzunehmen für den Betrachter?

H.D.: Vielleicht scheint das im ersten Moment so. Befreiender und weniger ablenkend empfinde ich jedoch das Nicht-Gegenständliche. 

F: Ist der Malvorgang, das wochenlange Studieren all dieser Formen und Farben eine Zwiesprache mit Gott, mit dem Göttlichen?

H.D.: Ich male ja, worüber ich nicht sprechen kann. So gesehen ist es ein Weg, nicht schweigen zu müssen (lacht).

"Der Wechsel" by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm
„Der Wechsel“ by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm

F: Es gibt in einigen Bildern neuerdings diesen „Punkt“. Es ist kein gedanklicher Punkt, sondern ein konkret gezeichneter, schwarzer, kreisrunder Punkt. Ist das ein visuelles Zitat, ein Hinweis auf die göttliche Dimension?

H.D.: Der Punkt ist eine Einladung, sich dem Bild auf einer anderen Ebene zu öffnen, aber da ist keine Absicht, dem Betrachter das Erleben vorzuschreiben. Da ist kein Auftrag. Es wird gemalt, ohne Auftrag. 

F: Das wohl radikalste Bild der neuen Serie scheint mir „Ich/I“ (2018) zu sein. Bei längerer Betrachtung ging es mir so, dass es zu einer Verschiebung der Wahrnehmung kam. Die vielen kleinen „Ichs“ auf diesem Bild kann mein Hirn nicht unterbringen, ich muss kapitulieren…

H.D.: Im Upanishad heißt es: „Alle diese Geschöpfe insgesamt bin ich, und außer mir gibt es kein anderes Wesen, und alles Geschaffene habe ich gemacht.“ Das trifft den Nagel auf den Kopf. Dem ist einfach nichts hinzuzufügen, letztlich auch nichts, was dieses Bild betrifft.

"Ich/I" by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm
„Ich/I“ by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm

Aus dem Upanishad, Oupnekhat.1, p.122: „…hae omnes creaturae in totum ego sum, et praeter me aliud ens non est, et omnia ego creata feci.“

„Alle diese Geschöpfe insgesamt bin ich, und außer mir gibt es kein anderes Wesen, und alles Geschaffene habe ich gemacht.“

(Zitiert aus: Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena II, Erster Teilband, Diogenes 1977, S. 24 )

F: Du machst Karate und seit langem auch Yoga. Unterstützt diese körperliche Aktivität auch die Kreativität des Malens?

H.D.: Yoga ist nicht nur eine körperliche Betätigung. Yoga ermöglicht, dass Konzentration geschieht. Konzentration erschafft den Raum und die Kraft für alle Vorgänge des Lebens, natürlich auch für die Kreativität und das Malen. Ich kann Yoga jedem Menschen, egal welchen Alters, nur empfehlen.

F: Und wie ist es beim Karate? Das ist ja ein extrovertierter Bewegungsfluss. Es gibt Partnerübungen, Schreie…

H.D.: Es ist extrovertierter als Yoga. Doch folgt es den innerlichen Werten des „Budo“. Ich schätze sowohl Yoga als auch Karate. Das eine unterstützt das andere. Es ist ein großes Glück, dass beides in Tettau möglich ist. Zusätzlich besuche ich auch  regelmäßig traditionelle Karate-Lehrgänge bei japanischen Lehrern und bilde mich dort fort. Dabei geht es nicht um sportliche Leistung oder darum, etwas zu beweisen. Es ist vor allem Dankbarkeit. Dankbarkeit, einen Körper zu haben. 

F: Das ist viel Aktivität.

H.D.: Das sieht vielleicht so aus. Letztlich führe ich aber ein zurückgezogenes Leben. Die Kraft zum Malen kommt aus der Stille, immer nur aus der Stille. 

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