„Die Kraft zum Malen kommt aus der Stille“ – Interview mit der Tettauer Malerin Helga Depping über die neue Ausstellung „Advaita, Nicht-Zweiheit“ (by monkifrieda, 2019)

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"Das verlorene Wasser/Lost Water" by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm
„Das verlorene Wasser/Lost Water“ by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm

F: Die neue Ausstellung heißt: „Advaita, Nicht-Zweiheit“. Warum dieser Titel?

H.D.: Nichtzweiheit ist das zentrale Thema meiner Malerei während der letzten 10 Jahre. Es ist die Essenz, auf die ich immer wieder zurückkomme.

F: Fangen wir doch an mit einem Bild, das einen besonderen Titel trägt, der aus der Gegend um Tettau stammt: „Das verlorene Wasser“…  

H.D.: Das verlorene Wasser ist ein Ort, den viele Tettauer aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg kennen. Es ist ein Gebiet in Thüringen, ein Wasserreservoir oberhalb des Tals. Verschiedene Quellen führen dorthin. Da waren ursprünglich zwei Becken, in denen man baden konnte. Kurz nachdem die Mauer fiel und die Grenze wieder auf war, bin ich dorthin gewandert, um es wiederzusehen. 

F: Wer schon einmal dort war, wird das Farbenspiel kennen, das auch auf dem Bild zu sehen ist. Außerdem sehe ich eine Spiegelung im Wasser. Einerseits sumpfig, andererseits klar…

H.D.: Es ist sumpfig, aus der Tiefe gespeist. Doch wem erscheint diese Spiegelung? Sie erscheint in mir.

F: Spiegeln sich auch die Vergangenheit und die Erinnerung?

H.D: Ja, es ist ein kollektives Erinnern, das bis heute präsent ist.

F: Es gibt Bildtitel, die sich wiederholen. Wenn man zum Beispiel „Das Spiel/Lila“ von 2011 der neuen Version von 2018 gegenüberstellt, wird deutlich, wie sich die Malweise verändert hat. Das Gegenständliche ist fast vollständig verschwunden. Ist deine Malerei nun abstrakt geworden?

"Das Spiel/Lila" by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm
„Das Spiel/Lila“ by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm
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„Das Spiel/Lila“ by Helga Depping,  Acryl auf Pressspan, 2011, 80 x 80 cm

H.D.: Vielleicht nicht unbedingt abstrakt, aber sie ist unpersönlicher.

F: Ist das Gegenständliche denn nicht leichter anzunehmen für den Betrachter?

H.D.: Vielleicht scheint das im ersten Moment so. Befreiender und weniger ablenkend empfinde ich jedoch das Nicht-Gegenständliche. 

F: Ist der Malvorgang, das wochenlange Studieren all dieser Formen und Farben eine Zwiesprache mit Gott, mit dem Göttlichen?

H.D.: Ich male ja, worüber ich nicht sprechen kann. So gesehen ist es ein Weg, nicht schweigen zu müssen (lacht).

"Der Wechsel" by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm
„Der Wechsel“ by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm

F: Es gibt in einigen Bildern neuerdings diesen „Punkt“. Es ist kein gedanklicher Punkt, sondern ein konkret gezeichneter, schwarzer, kreisrunder Punkt. Ist das ein visuelles Zitat, ein Hinweis auf die göttliche Dimension?

H.D.: Der Punkt ist eine Einladung, sich dem Bild auf einer anderen Ebene zu öffnen, aber da ist keine Absicht, dem Betrachter das Erleben vorzuschreiben. Da ist kein Auftrag. Es wird gemalt, ohne Auftrag. 

F: Das wohl radikalste Bild der neuen Serie scheint mir „Ich/I“ (2018) zu sein. Bei längerer Betrachtung ging es mir so, dass es zu einer Verschiebung der Wahrnehmung kam. Die vielen kleinen „Ichs“ auf diesem Bild kann mein Hirn nicht unterbringen, ich muss kapitulieren…

H.D.: Im Upanishad heißt es: „Alle diese Geschöpfe insgesamt bin ich, und außer mir gibt es kein anderes Wesen, und alles Geschaffene habe ich gemacht.“ Das trifft den Nagel auf den Kopf. Dem ist einfach nichts hinzuzufügen, letztlich auch nichts, was dieses Bild betrifft.

"Ich/I" by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm
„Ich/I“ by Helga Depping, Acryl auf Pressspan, 2018, 80 x 80 cm

Aus dem Upanishad, Oupnekhat.1, p.122: „…hae omnes creaturae in totum ego sum, et praeter me aliud ens non est, et omnia ego creata feci.“

„Alle diese Geschöpfe insgesamt bin ich, und außer mir gibt es kein anderes Wesen, und alles Geschaffene habe ich gemacht.“

(Zitiert aus: Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena II, Erster Teilband, Diogenes 1977, S. 24 )

F: Du machst Karate und seit langem auch Yoga. Unterstützt diese körperliche Aktivität auch die Kreativität des Malens?

H.D.: Yoga ist nicht nur eine körperliche Betätigung. Yoga ermöglicht, dass Konzentration geschieht. Konzentration erschafft den Raum und die Kraft für alle Vorgänge des Lebens, natürlich auch für die Kreativität und das Malen. Ich kann Yoga jedem Menschen, egal welchen Alters, nur empfehlen.

F: Und wie ist es beim Karate? Das ist ja ein extrovertierter Bewegungsfluss. Es gibt Partnerübungen, Schreie…

H.D.: Es ist extrovertierter als Yoga. Doch folgt es den innerlichen Werten des „Budo“. Ich schätze sowohl Yoga als auch Karate. Das eine unterstützt das andere. Es ist ein großes Glück, dass beides in Tettau möglich ist. Zusätzlich besuche ich auch  regelmäßig traditionelle Karate-Lehrgänge bei japanischen Lehrern und bilde mich dort fort. Dabei geht es nicht um sportliche Leistung oder darum, etwas zu beweisen. Es ist vor allem Dankbarkeit. Dankbarkeit, einen Körper zu haben. 

F: Das ist viel Aktivität.

H.D.: Das sieht vielleicht so aus. Letztlich führe ich aber ein zurückgezogenes Leben. Die Kraft zum Malen kommt aus der Stille, immer nur aus der Stille. 

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